Frühjahrstagung 2021 - Thema und Statement

"Dialog der Erinnerungen und das Problem der Rache"


Rache ist süß – stimmt das? Eine Demütigung, eine Verletzung, eine Beschämung, eine Niederlage in einen Triumph zu verwandeln ist eine wirkliche Genugtuung, wenn man sich letztere manchmal auch nur in der Phantasie gönnen kann. Die Verletzung mag für Dritte nur gering und marginal erscheinen, der Groll aus früherer Zeit nagt mit Beharrlichkeit, jederzeit bereit, sich durch kleinste Ereignisse wieder neu entfachen zu lassen.


Das Streben nach Macht, der Traum vom Geld, beides ist angetrieben von dem starken Wunsch, sich endlich rächen zu können für erlebte Verachtung, für erfahrene Behinderung der erstrebten Expansion. Der Andere soll endlich selbst spüren und das ertragen müssen, was er zugefügt hat. Auge um Auge, Zahn um Zahn! Und was kommt dann? Vielleicht ein Leben in Angst vor der Rache des Anderen. Daher führt die Rache schnell zum Blut und zum Mord.


Und da wird die selbstschädigende Wirkung der Rache schnell deutlich, die so eindringlich in Melvilles Moby Dick geschildert wird: Die Demütigung durch einen Wal verwandelt sich in den einzigen Lebenszweck, diesen Wal zu töten und führt alle in den Untergang. Nur in den Orgien der Rache, die die Filme von Tarantino zeigen, bleibt die Rache triumphal und zeigt darin die Ungeheuerlichkeit der ursprünglichen Tat.


Nun ist der Verzicht auf Rache auch nicht so einfach, und auch nicht gesund. Denn die Erkenntnis, ohnmächtig zu sein, sich nicht rächen zu können, den Anderen immer noch am Himmel seiner Willkür zu sehen, macht krank und lässt das Leben so einfach versickern.
Somit muss es auch eine Kunst der Rache geben, die nicht in der Selbstschädigung endet und doch eine Genugtuung bringt: Man kann mit Geduld auf Zeit setzen und eine ironische Umkehr von Ordnungen erwarten oder man kann dem demütigenden Objekt sein Interesse entziehen, es sozusagen verschwinden lassen.


Der Verzicht auf Rache ist Ziel all derer, die die Erziehung des Herzens anstreben, seien es die Religionen oder auch die öffentlichen Medien: Vergebung und Versöhnung, aber wer kann das schon außer Gott.


Sind wir vielleicht nicht alle Kinder der Rache? Unsere Kultur beginnt mit dem Rachefeldzug gegen Troja, Alexanders Eroberungskrieg, der beginnt als Rache für die Zerstörung Athens. Die Rachefeldzüge des großen Caesar waren erbarmungslos. Und der Vernichtungsfeldzug von Trothas gegen die Herero war nur möglich, weil zu dieser Zeit Rassismus zum common sense gehörte, eine wie auch immer definierte Herrenrasse oder Kolonialmacht auf jede Infragestellung ihrer Überlegenheit mit unbarmherziger Brutalität antwortete.


Um den ewigen Kreislauf von Rache und Vergeltung zu Durchbrechen wurde das Ende der Geschichte eingeläutet: Keine alten Rechnungen mehr begleichen, höchstens durch Entschädigungen, und eine weltumspannende liberale Wirtschaftsordnung, in der es nur noch win-win-Beziehungen geben sollte. Ein schöner Traum.


Aber wir werden wohl nicht entlastet werden durch das gnädige Vergessen und den ewigen Dialog der Erinnerungen ertragen müssen, in dem auch deutlich wird, dass der größte Schmerz darin besteht, dass der Andere letztlich immer anderer Meinung ist.
Rolf Wirtz